Wäscherei vs. Bio-Markt – eine Geschichte aus dem heutigen Kreuzberg

Berlin Kreuzberg Textilreinigung Scheffler

In einer Zeit, in der sich das vermaledeite Igitt-Wort „Kreuzkölln“ vom unangefochtenen Hipster-Term zum allgemeingültgen Werbeslogan für findige Immobilienmakler mausern konnte und man sich an das ewige Treiben von Immobilienspekulanten, Miethaien, erzwungenen Ladenschließungen und supercoolen Kiezeroberern schon gewöhnt hatte wie an eine chronische Verstopfung, muckt jemand auf.

Daber ist die Motivation dazu alles andere als profan. Abseits des Echauffierens über doofe Hipster, arrogante Yuppies und die „Bionade Bourgeoisie“ geht es beim Clash Bio Markt vs. Waschsalon weniger um Eitelkeiten als um die nackte Frage nach der Existenzberechtigung im Wandel-Kiez. Und glücklicherweise hat diese Geschichte ein Happy End – zumindest aus sozial-solidarischer Sicht, denn gegen die Kündigung des Waschsalons und damit für das Existenzrecht eines kleinen, alteingesessenen Gewerbes, formiert sich eine ganze Nachbarschaft.

 Die Mär von Fair

Oder: Ein bisschen David gegen Goliath. Gerda Scheffler und ihr Waschsalon gehören seit knapp 30 Jahren ins lebendige Bild der Skalitzer Strasse um das Schlesische Tor. Von der Textilreinigung bis zum Bügeln und der Reparatur von Kleidung wird hier noch alles wie einst von der Inhaberin selbst erledigt.

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Im November bekam Frau Scheffler jetzt jedoch die Kündigung des Eigentümers zum 31.01.2014. Die Nr. 71 soll nach dieser langen Zeit einen neuen Mieter für die Gewerberäume bekommen: Die Bio Company plant (noch eine weitere) Filiale im In-Kiez „36“. Dort, wo früher mal die Berliner Bank war (ein wirklich schrecklich versiffter Ort), doch der Platz für den Bio-Riesen reicht nicht aus – man benötigt noch die Ladenfläche der Wäscherei. Hmm, ok, wird es nicht auch unbedingt Zeit für einen Bio Supermarkt in Kreuzkölln City? Hmm…naja…es gibt bereits drei Bio Company Filialien um die Ecke; mit mittlerweile 28 Filialen hat die „natürliche Supermarkt“-Kette mit Fair Consume-Anspruch ihre Marktmacht in der City zementiert.

Fast exemplarisch für die derzeitige Entwicklung Berlins steht die alleinstehende Frau Scheffler mit ihrem individuellen Gewerbeangebot auf der Gegenseite. Eigentlich klar, wie das ausgehen muss. Doch Frau Scheffler will nicht gleich klein beigeben – sie will bleiben. Durch ihren Protest mobilisiert sie eine solidarische Basis aus Gentrifizierungsgegenern, Anwohnern und Gewerbetreibenden aus der Nachbarschaft. Eine selbstbewusst initiierte Unterschriftensammlung im Laden gab den Anstoß und die PR Abteilung von Bio Company musste sich schon bald im Internet um Schadensbegrenzung beeilen.

Bleiben Sie dran!

Am 18.11. wurde zum Termin geladen, an diesem Tag sollen die Anwälte der Bio Company das Gespräch mit Frau Scheffler gesucht haben. Immerhin sollen ca. 60 Unterstützer gekommen sein, um das Treffen filmisch zu dokumentieren und Gerda Scheffler den Rücken zu stärken. Mittlerweile soll die Bio Company nun also auch wollen, dass Frau Scheffler bleibt – es wird auch ganz doll beteuert, dass man ja nie jemanden vertreiben wollte. Nun gut. Schwer zu glauben, dass man dort niemals gewusst haben wollte, dass Frau Scheffler ihre Wäscherei gerne noch 5 Jahre betreiben will.

Es ist eher anzuzweifeln, dass sich die Bio Company auch ohne medienwirksame Einmischung und ohne die Wehrhaftigkeit von Frau Scheffler und ihren Unterstützern um einen solchen Kompromiss bemüht hätte. Aber sei´s drum – die öffentliche Unterstützung hat gewirkt! Frau Scheffler wird ab Januar Untermieterin der Bio Company werden – man kann ihr (wie dem gesamten Kiez) nur wünschen, dass trotz aller Veränderungen, die wir nun mal nicht aufhalten können, eins bleibt: Die Solidarität der Mitmenschen & Nachbarn und das Interesse für die Erhaltung von Existenzmöglichkeiten solcher Kiez-Urgesteine wie Frau Scheffler. Der Clash Waschsalon vs. Bio Markt ist gut ausgegangen. Danke an alle Unterstützer! – Eben auch für die Signalwirkung – weiter so, Berlin :-). Wir bleiben da auf jeden Fall dran.

Und damit  einen schönen Tach an euch alle,

Euer letzter Berliner.

 

 

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