Hip, Hip Adieu: Berlin ist nicht mehr angesagt

Wir können die Korken knallen lassen, denn mehrere (auch internationale) Publikationen haben die Coolness von Berlin offiziell für tot erklärt!

Aber Moment ma…

Dabei sagen die Zahlen ja eigentlich vielmehr was anderes: Berlin wächst ungebremst. Allein im letzten Jahr sind 50.000 Menschen nach Berlin neu zugezogen. Bis zum Jahr 2030 erwartet der Senat, dass die Hauptstadt eine Viertel Million mehr Einwohner zählen wird. Und auch die Touristen entdecken immer häufiger Berlin, ein Besucherrekord jagt den nächsten; 2013 waren es beinahe 27 Mio. Übernachtungen, und auch für 2014 wird mit weiteren acht Prozent Wachstum gerechnet. Außerdem wird Berlin in der New Economy Szene als das „Silicon Valley von Europa“ gehandelt. Hmmm, wie kommt man dann darauf, Berlin sei nicht mehr angesagt?

Ins Korsett geschnürt: Berlin wird angepasst und langweilig

Der Befund des amerikanischen Musikmagazins „Rolling Stone“ zu Berlin fällt anhand des Coolness-Niedergangs des mythen- und Hippnessumworbenen Clubs „Berghain“. Dass der ehemalig nischige Underground Tanz- und Hedonistentempel mittlerweile endgültig zur Walt Disney World konformen Touri-Attraktion geworden ist, sei auch als symbolische Parallelentwicklung zum ehemals unangepassten, und dadurch so beliebten Berlin zu werten. Ja, ja, es ist wahrlich nicht mehr alles so schön wie es wahr. Alptraumhafte Investorenpläne, manische Großbauprojekte, absurde Wohnraumverteuerungen – diese in Gang gesetzten Mechanismen zerstören bekanntlich nicht nur eine Party, sondern sind vor allem der Tod von all jenem, das die Anziehungskraft des öknomisch Umworbenen ursprünglich ausgemacht hatte.

Und so ist auch dies wieder ein klischeehafter Aspekt des Gentrifizierungsprozesses, der hier – oh Wunder – von der Presse beobachtet wird. Erst kommt man, weil keiner kommen will – die Faszination des vermeintlich noch Unentdeckten, das man in seinem übersteigenden Individualismus erobern kann. Einmal moderner Kolumbus spielen und beim Entdecken von noch „unberührten“ Großstadt-Soziotopen „Erster!“ schreien können. Dort lässt sich der „alternative“ Lebensstil noch authentisch zelebrieren. Oh super, das finden auch andere coole Leute super. O…kay…die kommen jetzt auch alle her. Hmmm…achso, jetzt verändert sich aber auch vieles. Menno, das ist doof. Die Szene ist tot, die Party vorbei. Zeit, weiter zu ziehen – aber nicht verzagen, da wird doch noch was Neues zu entdecken sein! Ob Brooklyn oder Berlin – diese Entwicklung scheint typisch und vorprogrammiert zu sein.

Haben wir es hier eigentlich mit sowas wie modernem Urban-Imperialismus zu tun ;-D?
Fakt ist, es ist alles leider weniger paradox als typisch. Ironisch ist irgendwie nur, dass sich beim Sterben des Hypes die „Gentrifizierer“ und „Ureinwohner“ im gemeinsamen Trauerkanon treffen. Allerdings aus unterschiedlichen Motivationen und in verschiedenen Trauer-Schweregraden.  Und das wiederum ist die Tragödie daran. Was wird wohl die nächste coolste Stadt der Welt sein? Die Nominierungen laufen für sowas tatsächlich bereits

Die Definition von Cool – Absage ans Angesagte

Den meisten Berliner/Innen wird dieser Coolness-Befund oder auch Abgesang herzlich schnuppe sein. Die Mieten werden weiter steigen, Wohnraum wird knapper – alles in allem wird Berlin immer noch, und voraussichtlich weiter steigend, „cool“ und „angesagt“ bei den Investoren und Kapitalanlegern sein.

Und so fällt offensichtlich die Definition, was denn nun unter „cool“ zu verstehen ist, bei den unterschiedlichen Zielgruppen – Neuentdeckern, Ureinwohnern und Invesorenkraken (Anführungsstriche müssen hinzugedacht werden)  – auch denkbar arg verschieden aus. Die Szenesuchenden finden Berlin cool, weil es anders ist (bzw. war) als das, was sie in den meisten Fällen absichtlich hinter sich ließen. Die Wirtschaft findet das Spiegelbild von Berlin cool, das durch Hipster-Yuppie-Szene-Kulturen erst entworfen wird.

Dass Berlin für uns wie für viele andere mehr ist, viel mehr, als die Möglichkeit, gut Party zu machen und sich künstlerisch-kreativ-individualistisch zu entfalten, muss an dieser Stelle wohl nicht extra ausformuliert werden. Cool und hip sind keine Vokabeln, die die meisten mit ihrem Kiez verbinden.

The City is not done yet

Ist Berlin wirklich tot oder doch noch zu retten? Ihr wisst, wir verfolgen das Ganze weiter…auch wenn der Hype vorbei sein sollte ;-). Und so setzen wir hinter die Hipness-Debatte einen Punkt.

Was könnte also besser zum Abschluß unseres Ent-Coolisierung-Befunds passen als dieser wunderbare Song der genialen Kraftklubber. Auf dich, Berlin – du stinkst Alter! (Und das ist auch gut so…)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .