Nachwort zur East Side Gallery Thematik

I‘ ve been looking for freedom!

Er kam, sang und…siegte? Naja, nicht ganz. Und auch ohne den schillernden Auftritt von The Hoff hatte das Thema Bebauung und Teilabriss an der East Side Gallery hohe Wellen geschlagen. Wir berichteten. Irgendwie verständlich: Wenn man schon nix von der Politik im Hinblick auf vorausschauende  Stadtplanung erwarten kann – tja, was oder wer sonst könnte uns auch schon aus dem Ozean der Verzweiflung ziehen wenn nicht ein Schauspieler, der nebst Night Rider (good old times) vor allem als Baywatch Rettungsschwimmer in die Seriengeschichte einging?! Berlin schwimmt in einem Meer voller Haie, doch die Rettung naht – zwar nicht in der fernseh-gekannten Hochform, den von der kalifornischen Sonne braun-getoasteten Astralkörper nur mit dem Hauch roter Shorts beschürzt – aber er kam und ließ es sich auch dieses Mal, beinahe 24 Jahre nach seinem singenden Sieg über den anti-kapitalistischen Schutzwall, nicht nehmen, seinen Evergreen und trashigen Ohrwurm „I´ve been looking for freedom“ zum Besten zu geben. Nur diesmal eben als Pro-Mauer-Appell gemeint. An diesem Tag waren noch mehr Leute gekommen. Klare Sache – solch ein Happening lässt man sich nicht entgehen.

east side galery protest

 Von der ernsthaften Debatte zur Lachnummer?

PR Profis kennen das jede-Publicity-ist-gute-Publicity Mantra allzu gut. Auch David Hasselhoff und seine PR Bagage erkannten schnell die Chance, sich mit besonders viel Pathos eben auch besonders medienwirksam diesem Thema zu widmen. Null problemo, wie Gordon Shumway sagt. Denn auch hier kommt jede Publicity dem Thema sicherlich zugute, macht aufmerksam, provoziert zum kritischen Nachdenken. Apropos kritisch: Nachdem der TAZ Artikel eines auch öfter viel für den Axel Springer Verlag schreibenden Redakteurs mit dem Titel „Desinformation“ publiziert wurde, schwenkte das Echo von vielen vermeintlichen East Side Gallery Lovern auf einmal drastisch um.

Oha, na wenn die TAZ schreibt und vielmehr ja sogar investigativ aufdeckt, dass das ganze Gedöns um das bunt bemalte Mauerstück nur ein Ausdruck diffuser Protestkultur ist, die sich genau genommen unberechtigt über ein Bauprojekt aufregt, das ja an sich nur für den Bau einer Brücke, nur für den Teilabriss eines kleinen Stücks der East Side Gallery – erstrangig nicht aber für den Bau von bösen, bösen Luxus-Eigentumswohnungen steht. Ach ja, die Protestler – entweder fanatische, Scheuklappen tragende Mediaspree-Gegner (der Schreiber kennt sich ganz sehr mit diesem Thema aus, sagt er selbst) oder fehlgeleitete, weil eben auch von vornherein desinformierte, Möchtegern-Wutbürgerchens, die sich von der Propaganda der Anti-Mediaspree Clique wie vom Rattenfänger haben ködern lassen, um zusammen ein hörbares, aber insgesamt unerhörtes Klagelied anzustimmen.

east side gallery demo

Und schon hörte auch ich es aus den Reihen rufen: „Oh, na wenn die TAZ das so schreibt…hmmm…na dann ist das Ganze vielleicht doch etwas voreilig gewesen.“ Und zum Auftritt von The Hoff fuhr man dann plötzlich eben auch, weil es (verständlicherweise – ick fands ja auch knuffig) oin goiler Ulk war, wenn es heißt, dass das inkarnierte „I´ve been looking for freedom“ die Mauer retten soll. Vom leidenschaftlichen „ich empör mich“ zur „is das ne Gaudi mit der East Side Gallery – hier kann man Stuttgart 21 auf Berlinerisch nachleben, hihi“-Polemik in 24 Stunden…oh je, Berlin! Oder sollte ich eher sagen – oh je Demokratie?!….

Back to the topic: Worum es geht (oder auch weiterhin gehen sollte)

Demonstration an der East Side Gallery 2013Wie gesagt – nischt gegen David Hasselhoff, den Besuch von der The Hoff-Show – an sich auch nix gegen die Zeilen des Zeitungsautors. Freies Land und so. Ich finde an sich auch nichts begrüßenswerter als die gesunde Skepsis. Doch ich war ehrlich erschüttert, dass dieser Artikel eine so große Verunsicherung bei Vielen schüren konnte. Die 80.000 eingereichten Unterschriften für die Online-Petition, die zuvor leidenschaftich ausgelebte Empörung? Auf einmal nicht mehr wirklich wichtig. Die East Side Gallery Rettung wurde zur Farce – und auch wenn das mit David Hasselhoff ja alles ganz lustig ist, setzte es dem Ganze noch die Kasperkrone auf. An anderer Stelle müsste man konsequenterweise den kritischen Bogen von der schnellen Verunsicherbarkeit bei der East Side Gallery Thematik zu einem allgemeineren Phänomen unserer heutigen Demokratie ziehen: Wir haben das Recht und die Freiheit, unsere Meinung Kund zu tun, gegen gefühlte Missstände zu demonstrieren – eben Sachen auch öffentlich scheiße zu finden. Wir lassen uns schnell von Themen und Meinungen einnehmen, gerade wenn diese medienwirksam transportiert werden. In unserer schnelllebigen Informationsgesellschaft kein Tabu. Doch wir sollten uns auch die Zeit nehmen, uns nicht die Meinung nehmen zu lassen. Uns selbst zu informieren, uns selbst ein Bild des GANZEN bilden zu können. Es bsteht tatsächlich ein wenig Ähnlichkeit zum Stuttgart 21 Protest (auch wenn ich den polemisiert gemeinten Vergleich insgesamt als ziemlich grotesk bewerte!) – wir formieren uns als „Wutbürger“, weil wir in einem Punkt vielleicht endlich mal wieder den Anlass und vor allem die Kraft fühlen, uns empören zu können, etwas zu sagen zu haben, das auch gehört werden will. Doch so hoch und kraftvoll diese demokratisch selbstbewusst schäumende Welle emporbricht, so schnell kracht sie wieder in sich zusammen. Was ist heute noch übrig vom Stuttgart 21-Protest außer eine im Hinblick auf den Protestanlass gescheiterte Volksabstimmung, die Bilder der verhältnislos gewaltsamen Polizei-Aktionen gegen die Demonstranten?  Der Protest ist tot. Lang lebe das Steuergelder verschlingende Bauvorhaben, das zwar nicht der Gemeinschaft nützt, aber eine exklusive Minderheit glücklich macht.

Ui, sorry an meine zahlreichen (;-) n bisel Selbstironie muss sein) Leser – ich will Euch nicht (immer) mit allzu langen Artikeln quälen. Ob Ihr nun gegen/für Luxuswohnungen an der East Side Gallery oder ne Brücke seid, Ihr mit Baywatch Anzug bei The Hoff einen auf ironisch gemacht habt oder Euch das alles schnuppe is, kratzt mich jetzt och nicht. Aber bitte, lasst Euch nicht von nem als „Desinformation“ plakatierten Meinungsartikels (auch wenns die TAZ sein mag, oh je) so schnell von den Basics abbringen, dem Kern des Ganzen. Ich für meinen Teil bin nach wie vor gegen die bauliche Veränderung der East Side Gallery weil:

– es geht um den Bau einer Brücke (die Brommybrücke), es geht aber auch um den Bau von exklusiven Eigentumswohnungen – beide Maßnahmen werden dazu führen, dass das Einfallstor für Unternehmungen dieser Art größer wird. Ich für meinen Teil bin dafür, dass der Milieuschutz gerade für gemeinschaftlich genutzte Freilächen in Berlin unbedingt ausgeweitet werden sollte. Wollen wir tatsächlich, dass in 10 Jahren, vielleicht früher, vielleicht auch etwas später, der Großteil Berlins zu einer Art guarded Community/Area wird, der das werbende „exklusiv“ (= ausschließend) zur gelebten Realität werden lässt? Abgesehen vom Yaam, von Strandbars etc. – wollen wir nicht alle noch in vielen Jahren mit Kindern, Enkeln, Besuchern dort flanieren können? Und sei´s nur, um noch ein Stück historisch gewachsenes Berlin unser aller Eigenes nennen zu dürfen?

-weil die Bebauung an der East Side Gallery auch symbolische Schlagkraft hat – oder wie die Zeit so passend formuliert: „Dieses Projekt fragt: `Wem gehört die Stadt?´ Und es gibt darauf auch eine erste Antwort: ´Uns gemeinsam!´“ So steht dit Janze auch für mich stellvertretend für den Ausverkauf der Stadt – ein (noch) armes, sexy Berlin, in der die Friss-oder-Stirb Direktive zum Leidwesen der Gemeinschaft angewandt wird. Ja, Berlin mag von Veränderungen profitieren und braucht die Kohle – aber schon seltsam, dass es immer Eigentumswohnungen sind, die gebaut werden und dass dann die Mehrheit der Berliner und Berlinerinnen davon profitieren soll, ist bezweifelbar. Mittlerweile konnte auch die Politik nicht mehr Ohren und Augen vor dem lauten Protest schließen und versucht sich in Wahlgunst-heischender Diplomatie. Die Frankfurter Rundschau schreibt dazu ganz passend: „Die Geschichte ist auch ein Armutszeugnis für die Berliner Politik. Sie hat es verpasst, rechtzeitig etwas gegen das ungeliebte Projekt am Spreeufer zu tun. Jetzt ist es zu spät, das Baurecht gilt, die meisten Wohnungen sind schon verkauft.“ Dennoch oder gerade deshalb: Sich dagegen aufzulehnen, laut zu werden, heißt auch, der gegenwärtigen Politik den Stinkefinger zu zeigen, seine Mündigkeit und Wehrhaftigkeit zu demonstrieren.

– ganz banal, aber spielentscheidend: weil die East Side Gallery das längste erhaltene Stück der Berliner Mauer (und damit ein geschichtspädagogisch einmaliges Stück) und die längste Open Air Gallery der Welt ist – jawoll, zieht euch dit ma rin!  Und zwotens klar, weil ich eben zu den Leuten gehöre, für die die East Side Gallery ein wesentlicher Teil Berlins ist – man kann sich streiten, ob es ein erhaltenswerter Teil dieser Stadt ist, ja. Aber es lässt sich in jedem Fall nicht bestreiten, dass man sich darüber streiten sollte – verstehta? Demokratie und so ;-). (p.s. steh ick persönlich mucho auf die Graffiti-Kunst, die da zu bestaunen ist, aber ich als letzter Berliner spreche ja sowieso die Poesie des „Geschmieres“ ;-))

Und lest Euch mal die unzähligen Kommentare zum erwähnten Artikel durch – so sieht ne Debatte aus :-)! Auch der Autor selbst sah sich gezwungen, zu diesen einzeln Stellung zu nehmen.

Also es heißt mal wieder: Uffmerksam bleiben! Es ist Eure Stadt, Eure Welt…gestaltet sie mit.

 

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