Liebe Schwaben,

welcome to schwabylon

Ihr habt es nicht, noch nie leicht gehabt. Und schon gar nicht in Berlin. Euch wird Spießigkeit, Arroganz und viel zu offensiv ausgeprägtes  Lokalkolorit vorgeworfen. Mit verletzenden Wortneuschöpfungen wie „Schwabylon“ versucht mancher Euch in den Berlin-Kollaps und City-Burn-Out zu treiben. Und dann kam noch dieser ungepflegte Öko-Weihnachtsmannverschnitt aka Vizepräsident des unser aller Deutschen Bundestags daher und disst Euch so richtig in die Mitte Eures ehrlichen, von Grund auf guten, tüchtigen Herzens. Nach Günter Grass´ politisch unkorrekter Zeitgeschichte-Lyrik ist das „Was gesagt werden muss“ im Wolfgang Thierse-Style der zweitempörendswürdigste Alte-Männer-Eklat der letzten Jahre.

Dass Wolfgang Euch aber eigentlich doch alle ganz doll lieb hat, hat er in dieser  Sonntags-Zeitungsausgabe nochmal ganz persönlich klar stellen wollen. Und auch wir wollen uns abseits aller liebgewonnenen Polemik jetzt hier mal grundsätzlich GEGEN sogenannten Schwabenhass, Hass gegen Zugezogene, sog. „Hipster“ und etc. pp. erklären. Es ist natürlich NIEMALS gutzuheißen, Menschen in diskriminierender oder beleidigender Weise gegenüberzutreten – und gerade wenn es um Kollektivbeschuldigungen geht, sind solche ERNST gemeinten Schwaben-, Zuzügler- und Touri-Bashings absolut abzulehnen. Wer sich ernsthaft auf ein so niedriges Niveau begibt, der sollte tatsächlich in eine kleingeistige Kleinstadt ziehen!

Wir wissen doch, dass Ihr die Kehrwochen-Mentalität und das Besserwissertum nicht für Euch allein gebucht habt. Auch nicht alle Berliner sind im Übrigen kodderschnäuzige Nörgler, Faulpelze und Schmarotzer. Arschlöcher jibbet überall. True Story.

Und doch darf auch leise Kritik an Eurem Feedback-Skills auf solch einen – ganz sicher nicht bierernst gemeinten Kommentar – geäußert werden. Hat denn der Wolfgang wirklich diese Art von übertriebenem Shitstorm verdient?! Oder wollt Ihr mit solcher Hurmorlosigkeit und maßloser Überempfindlichkeit unter Beweis stellen, dass die Spießigkeits-Vorwürfe gegen Euch doch legitimen Bestand haben ;-)? Es klatschte eine – natürlich nicht nur „schwäbisch“ formatierte – Welle von Beleidigungen auf Thierse hernieder, die von „Spießer“ über „Arschloch“ bis „Rassist“ alles in Petto hatte.

Wobei wir wieder beim Thema wären…

Obwohl sich die Argumentationslinie nachvollziehen lässt, dass das kompromittierende Interview von Thierse eine ganz miese Geschmacksnote annehmen würde, wenn das Wort „Schwaben“ im größeren Kontext gesehen mit „Ausländern“ ausgetauscht würde, ist es gleichzeitig in diesem tatsächlich gemeinten Zusammenhang eben nicht so zu verstehen. Es ist nicht rassistisch, wenn man – zugegeben etwas ungeschickt polemisiert von ihm – zu bedenken gibt, dass es tatsächlich einige Leute gibt, die Berlin zwar als angenehmen Lebensraum für sich entdeckt haben, den sie aber auch nach ihren Vorstellungen umgestalten wollen – und ja, nicht wenige fühlen sich davon auf den Schlips getreten. Und sein wir mal ehrlich: Es ist anzunehmen, dass genau die Leute, die sich ernsthaft durch Thierses Äußerungen angegriffen fühlen, in ihrer „Heimat“ (bitte nicht schon wieder falsch interpretieren, liebe Zuzügler) über dieselbe Ignoranz/Arroganz echauffieren würden, über die „wir“ „Berliner“ uns hier aufregen. Das liefe dann wohl so ähnlich wie die deutschen Auswanderer, die ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse in ein anderes Land ziehen, sich aber hier über die Immigranten aufregen, die kein Deutsch sprechen. Kacke sowas.

Da finden wir doch dann doch eher Aktionen wie „Free Schwabylon“ knorke, denn hier begegnet man dem sicherlich nicht ganz unkritisch zu betrachtenden „Integrationsappellen“ an Schwaben/Zugezogenen mit der ironischen Keule – und spricht eben Berlinerisch! Now we are talking ;-). So entsteht dann die Annäherung – übers gemeinsame Schmunzeln (aber bitte keene Spätzle-Aktionen mehr tsstsss…)

Und die Schrippe dreht sich doch…

In diesem Sinne,

Peace and out