Eat the Rich and face Democracy – Von ResIstanbul bis zur Revolta Brasil

Streetart Berlin

yaşasın demokrasi – democracia viver por muito tempo

Rund um den Globus erheben sich Menschen. Sie agieren als Bürger, als Einwohner ihres Landes, ihrer Stadt, ihres Kiezes; sie revoltieren gehen obrigkeitsgelenkte Ungerechtigkeiten, gegen Umbrüche und Missstände, deren Auswirkungen ihr Leben betreffen, die sie aber nicht beherrschen können. Und sie beanspruchen damit selbstbewusst Rechte, die im Ideal einer funktionierenden Demokratie den Bürgern gewährt werden: Mündigkeit, Meinungsfreiheit und Einforderungsmöglichkeiten einer kritischen Öffentlichkeit.

Eine kleine Betrachtung zu internationalen Gentrifizierungstendenzen, Kapitalismuskritik und politischer Öffentlichkeit – und was Berlin damit zu tun hat.

Von Stadtpolitik zu Weltpolitik

Nach dem arabischen Frühling hat die Wut im Bauch auch viele andere Länder erreicht, in denen Demokratie von der Politik bislang nicht gelebt wird. Während sich in Istanbul der Protest an einem geplanten Bauprojekt im städtischen Gezi-Park entzündete, demonstrieren mittlerweile über 1 Million Menschen in 80 Städten Brasiliens gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeiten. Das bevölkerungsreichste Land Südamerikas ist ein Moloch mafiös organisierter Verteilungsstrukturen und Spielplatz der korrumpierten Politik. Während in den Favelas der brasilianischen Megacities die Mehrheit der Menschen in bitterer Armut, ohne soziale Sicherheit, Bildung und Arbeit einen tagtäglichen Überlebenskampf ausfechten müssen, beschliesst die Regierung Milliardenausgaben für den Bau von prestigeträchtigen Stadien und die Erhöhung der Nahverkehrspreise. Angesichts einer desolaten Infrastruktur mangels fehlender Investitionen entblösst sich das Verantwortungsbewusstsein der Politik einmal mehr als makabre Farce. Und die Leute haben endgültig die Schnauze voll.

Die so titulierte 20-Cent-Revolution in Brasilien, die sich an den gestiegenen Busfahrpreisen entzündete und der Abriss eines Stadtparks, die Fällung von Bäumen, die den Funkenschlag zum Protest in Istanbul auslösten haben ganz klar eine Gemeinsamkeit: stadtpolitische Umbrüche, die zum Nachteil der materiell und machtpolitisch schlechter gestellten, breiten Bevölkerung verlaufen, dienen als Impuslgeber für eine selbstbewusst agierende und basisdemokratisch formierte politische Öffentlichkeit. Hier treten Menschen an die Front, die sonst kein Gehör finden konnten. Es ist der Herzschlag der Demokratie, der vitalisiert durch Gentrifizierung und Kapitalismusgier, jetzt endlich umso kraftvoller und trotziger schlägt. Es ist ein Impulsgeber für das Wirken als lautstarke Masse.

 Tabula rasa – We are one.

Der Widerstand gegen die Umstrukturierung des Istanbuler Gezi-Parks geht auf die Mobilisierungsarbeit einer bürgerlichen Opposition gegen Gentrifizierungsprojekte zurück. Die „Taksim Dayanismasi“, „Taksim-Solidaritätsgruppe“, ist das Sprachrohr von  über 50 Vereinigungen, darunter Berufsverbände, Gewerkschaften, Ärzte- und Architektenvereinigungen sowie politische Gruppen.
Die Gruppe stellt seit über 2 Jahren kritische Fragen zu geplanten Großbauprojekte wie einer dritten Bosporusbrücke, drei neuen Atomkraftwerken und hunderten Staudämmen in der Türkei und rührt damit in der Gentrifizierungsproblematik moderner Großstädte mit.

Das Dilemma zwischen mehrheitstauglicher Verteilung öffentlicher Gelder und der von wirtschaftsliberalen und lobbyistischen Zielsetzungen gesteuerten Investitionen prägen auch hier in Berlin immer mehr das Stadtbild – und schaffen damit demokratische Eruptionsherde. Gut so, dass es auch in Berlin die engagierten Stadtteilgruppen gibt, die unermüdlichen gegen sinnlose Großbau- und Luxusprojekte kämpfen und damit für sinnvolle Investitionen in Bildung, Soziales und Gesundheit der Mehrheit eintreten!

Die Solidarität der Berliner mit den Istanbulern zeigt sich bei den friedlichen Protesten am Oranienplatz in Kreuzberg von seiner schönsten, hoffnungsfrohsten Seite. In Zeiten von Finanzkrisen, Staatspleiten und unfairen Verteilungskriegen verbindet die Kraft der Bürger und Stadtbewohner, sich gegen bevormundende Fehlinvestitionen Gehör zu verschaffen. Einmal laut zu protestieren: Es reicht!

Der Bauarbeiter in São Paulo, der durch den Bau des Prestige-Stadions zwar momentan Arbeit hat, aber nach der Fertigstellung aus seinem Umfeld vertrieben wird, steht in einer Reihe mit den einfachen Istanbulern oder den Berlinern, die der staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik bisweilen ohnmächtig gegenüber stehen (müssen).

Ob in Brasilien, Berlin oder Istanbul – es besteht Reformbedarf bei den politischen Instanzen, die sich viel zu oft von wirtschaftlichen Erwägungen zu Höhenflügen verleiten lassen, die der elitären Minderheit nutzen, aber den Bürgern wie dir und mir immer mehr Rechte beschneiden. Ob East Side Gallery, Gezi Park oder WM Bauwut in São Paulo und Co. – die Menschen sollten sich mehr denn je animiert fühlen, ihrer tatsächlichen Betroffenheit als Stadtbewohner demokratisch Ausdruck zu verleihen. Betroffenheit führt zum Eintritt ins Publikum. Dass diese großstädtischen Projekte Unmut erregen, der sich in einem friedlichen Protest ergießt, dem auch von Seiten der Staats- und Polizeigewalt friedlich begegnet wird, ist gut und eben – demokratisch. Ob sich angesichts von Wohnungsnot und Verdrängung auch hier mal eine sicherlich kleinere, aber dennoch bedeutende (man denke nur an die Mobilisierung der „Häuslebauer“ angesichts von S21) Welle an Es-reicht-Partizipation bilden wird/könnte, die über die politischen Vereine und Stadtteilgruppen hinausgeht? We´ll see….

Der brasilianische Meisterkicker Dante sprach sich in einem Interview klar befürwortend für die Proteste in seinem Heimatland aus – solange sie friedlich seien. Und ich schließe an: Hoffentlich auch gehört werden!

Und diese aus Brasilien stammende Frau wurde auf Youtube mittlerweile bereits millionenfach gehört. Warum sie zur WM „No, thanks“ sagt, seht ihr hier:

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