Du bist verrückt, Berlin

Berlin East Side Galery Protest Der letzte Berliner

Allem voran: Glückwunsch Berlin, du bist noch am Leben!

Mit dem erfolgreichen Volksentscheid gegen eine unausgereifte Bebauungs- und Privatisierungspolitik hast du gezeigt, dass du noch nicht völlig verloren sein kannst. Dein demokratischer Herzschlag war kurz, aber kraftvoll. Er wurde sogar über den großen Teich wahrgenommen, als wirtschaftspolitisches Appellativ für eine generelle Entwicklung – kontrovers – diskutiert. Was den einen nämlich als demokratischer Erfolg für Bürgerbeteiligung und politische Teilnahme brilliert, ist den anderen der omenhafte Sargnagel für die wirtschaftliche Zukunft der aspirierenden Weltmetropole Berlin.  Ja, spinnen die denn etwa, die Berliner?

Berlin: Wutbürger´s Paradise?

Wir kennen sie alle, die Klischees über Hauptstadt und Hauptstädter: arm, (aber) sexy, schmutzig, faul, unfreundlich, arrogant, störrisch… Schon der österreichische Komponist Franz Suppé erklärte den Sturkopf Berlin seinerzeit so: “Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin. Wo die Verrückten sind, da jehörste hin!“
Jawollo, die Verrückten gehören nach Berlin, wie ließe es sich sonst erklären, dass eine Stadt so gegen Veränderung sein kann? The Horror, the horror! Eine ganze Stadt, die sich dem Fortschritt, der Entwicklung, ja gar der Zukunft versperrt… Blockadepolitik nach Berliner Schnauze und mit Berliner Engstirnigkeit. Auch jetzt, frisch nach Tempelhof (und bereits davor) regen sich wieder die Stimmen.

Berlin, du #Arschloch, du und deine diese verstrahlten Kiezromantiker ohne Anschluss an die reale Welt – wacht auf und erkennt:

berlin twitter dänliche provinz

Berlin Bashing auf ganz hohem Niveau. Passt ja auch gut ins Schema. Kann schließlich nur Gülle rauskommen, wenn die zugezogenen Wutbürger aus Schwaben hier ihren Stuttgart 21 Stellverteterkrieg führen, gnihihi. Aber ganz ehrlich mal: Dieses Tweetgenie hat Berlin nicht verstanden. Wird es auch nie.

Und  auch hier offenbart sich Desinformiertheit über die Vielschichtigkeit der Stadtentwicklungpolitik.

berlin twitter stillstand

Wollen wir alle den Stillstand? Schadet Berlin sich wirklich selbst mit erfolgreichen Volksentscheiden wie dem Thf-Gesetz? Ist Berlin das Dorf der verdammten – Wutbürger?

Problembetroffenheit vs. Problem: Betroffenheit

Nee, sind wa nich. Wir haben uns mittels und dank des Volksentscheids gegen eine unausgegorene, weitere Millionen an Steuergeldern verschleißende, eben NICHT vorrangig dringend benötigten Wohnraum-schaffende Initiative des Senats demokratisch legitim ausgesprochen. Und waren erfolgreich. Es ging und geht nicht um eine blinde Blockade, sondern um ein Veto – bevor wieder Schindluder getrieben wird.

Doch schon kommen die Kritiker, die die arroganten Wutbürger zu Vernuft bringen wollen…Man fragt sich manchmal wirklich, ob die Leute neben Facebook und GMX „Nachrichten“ noch etwas anderes konsumieren, um sich ihr „politisches Meinungsbild“ zu formieren. Dass es viele Möglichkeiten gibt (gäbe), den notwendigen Wohnraum – und vor allem bezahlbaren Wohnraum – zu schaffen (zu erhalten), kann z.B. hier aktuell nachgelesen werden. Dass sich Berlin notorisch massiv gegen stadtplanungspolitische Veränderungen sträube, ist wohl mit einem Blick auf das sich rasant verändernde Stadtbild zu entkräften.

Vielleicht haben die „Wutbürger“ nur einfach auch genug gesehen von BER, East Side Gallery Verunstaltungs-Luxusbebauung, Entmietungsschikanen, Eigentumswohnungszuhackerei and so on… Nach demokratischen Pleiten wie dem Energietisch hat die 100% Tempelhofer Feld Initiative dank sympathisch-aufklärerischer Wahlkampagne endlich mal mobilisieren können. Die Leute sind an die Wahlurnen gegangen, haben sich interessiert und eingemischt. Die bürgerliche Öffentlichkeit ist noch da und hat Berlin ein hoffungsvolles Geschenk gemacht.

Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat – Demokratie war und ist ein rares Gut in dieser Welt. Vielleicht kriegen es einige durch Dschungelcamp, Geißens, GNTM und Fussball nicht mehr so richtig mit. Oder man sitzt eben schon im gemütlich Sicheren, der grünen Enklave in Zehlendorf oder so…Wer nicht davon betroffen ist, der spielt gerne die Wutbürger-Karte aus. „Die haben ja alles was am Kopf in Berlin. Man sollte sich mal ein Beispiel an London nehmen. Da meckert auch keiner!“ Ein anachronistischer Vergleich zwischen historisch längerfristig gewachsenen Metropolen wie London, New York oder Paris  mit dem sich vor 25 Jahre noch in der Teilung befundenen Berlin ist schon mal nur grenzwertig nachvollziehbar. Die dränglichere Frage an sich aber: Wollen wir denn genau diese Entwicklung nehmen? Oder ist es nicht viel mehr unsere Pflicht, da gegen den Strom zu schwimmen? Wohnen, Arbeiten, Leben – wie kann und soll das aussehen in einer globalisierten, ökonomisierten Welt, die uns in Tempo und Komplexität nicht mehr greifbar erscheint. Sollten wir da nicht unbedingt mitbestimmen wollen?! Tempelhofer Feld, Sehnsuchtsort der Weite und des Unfertigen – es ist so Wert gewesen, diesen Status zu schützen. Symbolisch und pragmatisch wegweisend, und das unbedingt im guten Sinne.

Der gute Johnny Häusler hat das folgendermaßen herzensschön auf den Punkt gebracht:

   „Sorgt ihr doch erst mal dafür, dass Leute nicht aus ihren Wohnungen geschmissen werden, in denen sie seit Jahrzehnten wohnen, baut ihr doch erstmal euren Flughafen fertig. Danach können wir ja vielleicht noch mal über Stadtentwicklung reden.“

Mehr Mutbürger, bitte…

Wenn Verrücktsein Uangepasstheit im Sinne von demokratischem Teilnahme-, Einmischungs- und Kontrollwillen meint,  – dann wooohooo, lasst uns bitte noch ein wenig verrückt bleiben.  Es hat nichts mit Wutbürgerei zu tun, wenn man sich Fehlentwicklungen in den Weg stellt. Es müsste viel mehr solcher  – Achtung, jetzt kommts  – Mutbürger geben.

Und wenn wir irgendwo in einer durchgentrifizierten, sozial kastisierten, „fortschrittlichen“  Metropole wie Paris oder London leben würden, wo wir uns längst langwierig verzweifelnd nach (bezahlbarem) Wohnraum für uns und unseren Nachwuchs umsehen müssten, würden wir dann nicht ehrlichen Herzens meinen:

„Du bist – zum Glück – verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin!“

Halleluja #tempelhof #demokratie #wutbürgerfreuden #verrücktheit

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1 Kommentar

  1. Danke für diesen erfrischenden Kommentar. Die Berliner sind genau das Gegenteil von dem was die Strippenzieher und Politdarsteller versuchen als ständiges Mantra ihnen ins Gehirn zu waschen. Was ist der Grund, dass sie anscheinend auf so subtile Art erkennen welche Gaunerstücke gerade gespielt werden?

    Mit klarem Kopf und Blick auf die historische Landkarte zum Zeitpunkt der 1. Nennung kann jeder selber darauf kommen.

    Hier mussten die selbsternannten Eliten, genannt Könige und Kaiser und ihre „Mischpoke“ Rast machen wenn sie auf den Handelsstrassen Paris – Petersburg oder Oslo – Konstantinopel die Fähre verpasst haben. In den Berliner oder Cöllner Gasthäusern haben die Berliner nach ein paar Mollen der Gäste mitbekommen wie diese Scheinwelten der Schauspieler funktionieren.

    Die Polizeiakten dieser Region, (die sich erst aus der Not heraus 1920 zu Groß-Berlin zusammenschloss) sind voll von den Protokollen über den Spott und die verbotenen Witze von Stallburschen und Stubenmädchen. Engelmann hat ein Geschichtsbuch daraus erarbeitet – einfach köstlich.

    Das war auch der Grund warum die Nazis den Berlinern nicht vertrauten – der komplette Verwaltungsapparat aus München und Köln hierher geschleppt wurde. Bis auf einen Lichtenrader Oberscharführer, der aber auch 1943 geköpft wurde.

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